Uwe Friesel

  Das Projekt „Das Fremde in uns“ /
Die Anthologie „...und Bosnien, nicht zu vergessen“

Beginnen muss ich damit, dass ich von einer sehr geschätzten und aktiven hanseatischen VS-Kollegin berichte:

Emina Čabaravdić-Kamber, geboren in Kakanj bei Sarajevo und seit 1968 in Hamburg lebend, studierte ursprünglich Textil-Design, war aber von 1984 an vor allem freie Schriftstellerin. Der Workshop für Maler und Schriftsteller, „Das Fremde in uns“, den wir gemeinsam bei zwei Aufenthalten auf der Halbinsel Peljesacs nördlich von Dubrovnik leiteten und in Hamburg weiterführten, hängt eng mit ihrer eigenen Biographie zusammen. Es ging ihr bei diesem bi-nationalen Projekt nicht nur um den Gegensatz Islam / Christentum (ob nun serbisch-orthodox oder kroatisch-katholisch, gleichviel), wie er im letzten Balkankrieg gewaltsam zum Ausbruch kam, sondern vor allem um unsere Fähigkeit, mit dem Fremden umzugehen, mit ihn „fertig zu werden“.

Für die deutschen Teilnehmer am Balkan-Workshop hieß dies, sich auf eine fremde Landschaft und fremde Mentalitäten mit immer noch heftig erlebbaren Kriegsfolgen
einzulassen. Dabei waren die Vorurteile, die wir mit uns herumtrugen, gespeist aus
Desinformation und historischer Unwissenheit, von nicht geringer Beschwernis.

Für die bosnischen Teilnehmer und Beiträger zur späteren Anthologie hieß es, die Ängste und Probleme der Emigration und des Lebens in der Fremde zu ergründen, also auch, ihre gespaltene Doppelexistenz aus Kindheitserinnerungen und Lebenswirklichkeit im Exil offen zu legen.

Als Ergebnis dieser beiden Workshops ist 2008 im Verlag Das Bosnische Wort (Tuzla und Wuppertal) die Anthologie „...und Bosnien, nicht zu vergessen“ erschienen. Die Beiträger sind in der Mehrzahl Mitglieder des Verbands deutscher Schriftsteller (VS) und/oder der Hamburger Autorenvereinigung. Die Schwarzweiß-Illustrationen des Bandes sind aus den „Künstlerkolonien“ hervorgegangen, die Emina Kamber seit Jahren auf der Halbinsel Peljesacz und demnächst auch in Bosnien mit norddeutschen Teilnehmerinnen veranstaltet.

Das Buch ist hier abgebildet. Zum Titelbild von Birgitta Sjöblom, die auch das Layout gemacht hat und in Stockholm zu Hause ist, heißt es im Impressum: „Das Einbandfoto (...) zeigt den deutschen Autor und Mitherausgeber dieses Bandes, Uwe Friesel, im Gespräch mit dem bosnischen Philosophen und bekanntesten Antiquitätenhändler an der Brücke Stari Most in Mostar, Safed Bregovic.“

Dieser Mann hat den Beschuß der einzigartigen historischen Mostar-Brücke im November 1993 nicht nur beobachtet, sondern zusammen mit anderen auch ihre Zerstörung zu verhindern gesucht, indem sie unter Lebensgefahr alte Autoreifen über die Brüstung hängten. Wie man weiß, ist jedoch dem bosnisch-kroatischen General Slobodan Praljak am faschistischen 9. November – so lange wartete er symbolisch damit – durch Panzerbeschuss diese Zerstörung eines Weltkulturerbes schließlich gelungen.

Inzwischen ist die Brücke mit UNESCO-Hilfe wieder aufgebaut, ebenso wie die benachbarten Gassen der muslimischen Altstadt. Als wir zur Wiedereröffnung aus unserem Manuskript lesen wollten, erteilte uns das Auswärtige Amt eine Absage: es habe neue Drohungen gegeben, für unsere Sicherheit könne nicht garantiert werden.

Im April 2008 haben wir dann das Buch in der deutschen Fassung (!) auf der Buchmesse in Sarajewo und bei fünf Lesungen in zentralbosnischen Städten vorgestellt: vor einem interessierten und sprachbegabten Publikum, das die Übersetzungen der Lesetexte meist gar nicht nötig hatte. Die bosnische Fassung entsteht zur Zeit und soll 2011 als Buch vorliegen.

 

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Wer hätte gedacht, dass bosnische Medizinstudentinnen über neueste deutsche Literatur Bescheid wissen? Am medizinischen Institut in Sarajevo trafen wir auf sachkundige. diskussionsfreudige Zuhörerinnen. Auch auf der Buchmesse in Sarajevo lasen wir vor einem interessierten Publikum: alles auf Deutsch!