
Dubrovnik ist teuer, inzwischen. Für einen schweißtreibenden Rundgang auf der Stadtmauer zahlt man fünfzig Kuna. Das sind sieben Euro. Ein Teller Spaghetti alla Pescatore kostet elf Euro.
Ich hatte das schon geahnt. Jedoch auf der nahen Halbinsel Peljeschatz, hatte ich mir bei der Reiseplanung gedacht, fände ich gewiss eine preiswerte Pension und wäre trotzdem praktisch noch in Ragusa. Jedenfalls historisch betrachtet. Ich bin Hobby-Historiker. Besonders die mächtigen Stadtstaaten des Mittelalters und der Renaissance interessieren mich. Zwar bedeutet mir die Historie nicht so viel, dass ich sie zu meinem Beruf gemacht hätte. Beruflich bin ich Postbeamter und auch ganz zufrieden damit. Aber eine Art Berufung ist sie mir doch.
Historisch betrachtet hängt die Halbinsel Peljeschatz eng mit Dubrovnik zusammen: Die einst Ragusa genannte Stadtrepublik hatte sie im Jahre 1333 samt den vorgelagerten Inseln gekauft, später auch den zugehörigen Küstensaum auf dem Balkan (die genaueren Kaufumstände muss ich noch ’rausfinden), und schon bald wurde das Salz der Salinen bei Ston dank der stattlichen Schiffsflotte von Ragusa weltweit vermarktet. Das war im Mittelalter. Heute vermarkten die Bauern und Fischer der Peljeschatz ihren Wein, ihre Austern, ihre Muscheln und auch ihr Salz lieber selbst und vor der Haustür. Fünf Euro für ein Jutesäckchen Salz mit Schleifchen. Sie sind nicht arm. Man hat jedenfalls nicht dieses peinliche Gefühl, als Gast immer zu wenig Trinkgeld zu geben. Sehr angenehm.
Nach einigem Überlegen habe ich mich in Prapratno eingemietet. Es ist noch Vorsaison, und den wunderschönen halbmondförmigen Sandstrand habe ich fast für mich allein. Mit nur siebzehn Grad Wassertemperatur hatte ich zu dieser Jahreszeit allerdings nicht gerechnet.
Überhaupt habe ich mich auf dieser Reise schon ein paar Mal verrechnet.
Es begann mit der Autofähre von Bari nach Dubrovnik. Sie kostete mehr als das Doppelte dessen, was der ADAC aufgelistet hatte. Dann mußte ich gleich bei der Ankunft Strafe zahlen, weil mein „D“ für Deutschland nur auf dem blauen Europastreifen des Nummernschilds zu lesen war, nicht aber als gesonderte weiße Plakette daneben. „Wir nix EU!“, knurrte der Polizist. Und das, obwohl sich die Kroaten längst um die Mitgliedschaft beworben haben. Da könnte doch ein bißchen vorauseilende Freundlichkeit nicht schaden!
Wie zum Trost nun diese vielleicht etwas renovierungsbedürftige, aber im übrigen ideal gelegene Herberge in Prapratno. Vom Schatten meines Balkons blicke ich über die smaragdgrüne Bucht, milchigblau im Dunst des Vormittags die Insel Mljet vor Augen, zu der sich eben links im Bild ein antiquiertes, mit Bussen und Personenwagen vollgestopftes Trajekt in Bewegung setzt.
Die Balkone hier sind sehr groß, regelrechte hängende Gärten mit all dem Hibiskus, der Bougainvillea und den seitlich heraufragenden Oleanderbäumen. Ganz richtig, Bäume. Die Oleander haben hier Baumgröße. Ich betaste meine Stirn und meine rechte Wange. Sie sind geschwollen, so dass das Brillengestell anstößt. Schmerzen tun sie auch. Die Haustochter hat mir eine kühlende Salbe gebracht, von der Großmutter aus verschiedenen hier wachsenden Heilpflanzen zusammengemixt. Soll Wunder wirken. Ob das stimmt, muss sich erst erweisen. In einen Spiegel gucken mag ich jedenfalls nicht.
Denn trotz des traumhaften Rundblicks bin ich im Geist immer noch bei meinem gestrigen ersten Besuch in Ragusa. Ja, Ragusa. Nicht Dubrovnik. Wie schon gesagt, interessiert mich vor allem die Geschichte: die römischen Gründungen Epidaurum und Laus, die gotisch-renaissantische Vereinigung und Vermengung von Insel und Landzunge, das Eingreifen von Venedig, die vielen Befreiungsversuche im 13. Jahrhundert und das endliche Losreißen aus der Umarmung der herrischen Serenissima.
Ragusa, ja. Aber dann kam alles anders. Und jetzt mal der Reihe nach.
Nach fast zwei Stunden Autofahrt über die kurvenreiche Küstenstraße war es mir gelungen, trotz des Andrangs in der Altstadt meinen VW unterhalb der Stadtmauer zu parken, ich war durch das Südtor gegangen, vorbei an Kirchenmauern und schön ziselierten Heiligen in Halbrelief, und hatte mir durch die Pulks der Touristen einen Weg bis zur Piazza Luză gebahnt. Hier kann man eigentlich gar nicht anders, als am Roland vorbei die Hauptstraße Stradun anzusteuern. Diese hat es in sich. Nicht nur ist sie eigentlich ein zugeschütteter Kanal zwischen Insel und Festland, sondern sie ist auch in Trompe-l’œil-Manier so raffiniert zum Ende hin verengt, während gleichzeitig die Gebäude an beiden Seiten niederiger und niedriger werden, dass man glaubt, sie sei endlos. Dabei mißt sie nicht einmal dreihundert Meter, der Länge nach. Und wie ich so über die Stradun flaniere, noch unschlüssig, wo nun anfangen mit der Besichtigung, ständig mehr oder minder kompakten Touristengruppen ausweichend, denen eine radebrechende Fremdenführerin vorausstapft, und dann noch eine zweite, gar mit einem Mini-Lautsprecher ausgestattet, der ihre dreisprachigen Verwirrsätze auch noch verstärkt, während sie gleichzeitig ein Schild mit
einer Zahl in die Luft hält, damit auch niemand aus der numerierten Gefolgschaft den Anschluss verliere – wie ich also noch unentschlossen abwechselnd auf Renaissance- und Barockfassaden und in die Schaufenster tief gestaffelter Schmuck- und Modeboutiquen blicke, leuchtet mir aus der schummrigen Tiefe einer dieser Verkaufshöhlen ein Strohhut entgegen. Er ist grob geflochten, mit ausladender Krempe. Auf den ersten Blick nichts Besonderes.
Doch das Andersartige an ihm, das, was mich überhaupt erst zu seiner Entdeckung befähigt, ist das dalmatinische Hutband: nicht schwarz wie normalerweise, sondern gefleckt wie jene einhundertundein virtuellen Dalmatiner aus dem Disney-Film. Ein gewissermaßen auf den Hund gekommenes, schwarz-weißes Hutband.
Wie jedermann weiß, sind Panamahüte in der Regel elegant und teuer. Das schwarze Hutband aus dehnbarem Krepp paßt sich der Kopfgröße an. Ein zusammengepreßter Panamahut entfaltet sich wieder zu alter Schönheit, sobald er aus dem Koffer befreit wird. Noch stehe ich draußen vor dem Fenster, irritiert von dieser geschmacklosen Variante, indes, die schlanke, hübsche Verkäuferin hat meinen prüfenden Blick bereits bemerkt, ist auf hohen Hacken ins Dunkel geeilt und hat mit sicherem Griff den Hut vom Regal geangelt. Dazu sollte man vielleicht wissen, dass ich noch einen Rest rötlichen Haars auf dem Kopf trage und ebensolche Koteletten, um den Gesamteindruck etwas in Richtung Jugend zu verschieben – Jugendlichkeit ist ja heutzutage sehr wichtig, sogar im Postdienst – dass ich aber knallrot anlaufe wie ein Hummer in kochendem Wasser, sobald mich die ersten Sonnenstrahlen treffen. Das ist auch der Grund, warum ich zwar immer schon Altertumskunde betrieben habe, aber nie Archeologie, schon gar nicht in sonnendurchglühten Wüstengebieten wie etwa dem Irak, obwohl es gerade dort am ergiebigsten wäre. Sein könnte. Sein sollte. Doch die Umstände sind nicht danach, derzeit.
„Was kostet denn dieser Hut?“ frage ich.
„Fünfundachtzig Kuna“, sagt sie.
„Aber der daneben kostet doch nur fünfundsiebzig!“ sage ich.
„Der hat ja auch kein dalmatinisches Hutband!“ erwidert sie. Und dann, den Hut vor ihren Busen haltend, tritt sie sehr dicht an mich heran und fügt mit leiser Stimme hinzu: „Dieses Modell gibt es in ganz Dubrovnik nur ein einziges Mal!“
Und tatsächlich, aus solcher Nähe sieht der Hut noch verführerischer aus. So zahle ich anstandslos und habe, kaum zurück in der Hitze der Hauptstraße, das einmalige Exemplar auch schon auf dem Kopf. Neben mir laufen Menschen mit ebenfalls luftiger Kopfbedeckung, die bei meinem Anblick lächeln, – ein verstehendes, beifälliges Lächeln, sozusagen in Anerkenntnis meiner Wahl.
Zufrieden mit meinem Kauf gehe ich zurück zu Piazza, wende mich nach rechts und betrete die Eingangsloggia des Rektorenpalastes. Am Fuße der berühmten Säule mit dem Reliefhalbkapitel, das es in dieser Form sonst nirgends gibt und das ich nur von Abbildungen kannte, sonnt sich eine honigfabene Katze. Vorsichtig steige ich über sie hinweg und gehe durch die gotische Tür hinein. Im Schatten des Innenhofes ist es etwas kühler. Ich überlege, ob ich den Hut jetzt absetze. Doch da hat ihn schon die Ticketverkäuferin bemerkt und lächelt mich an.
„A nice hat!“ sagt sie. „Suits you well.“
„Sehe ich damit englisch aus? Oder amerikanisch?“ frage ich, zurück lächelnd.
„No, not at all. Why do you think that?“
„Weil Sie mich auf Englisch ansprechen.“
„Ach, das tun wir doch automatisch! Wegen der Kreuzfahrtschiffe, wissen Sie? Die sind voller Amerikaner und Engländer und Japaner.“
Automatisch? Dieses epidemische Idiom? Nicht genug, dass die Computer der Welt damit verseucht sind, obwohl die meisten aus Asien stammen, nein, nun verwenden es auch schon Museumsdiener in Ragusa wie selbstverständlich. Dabei ist als Ganzes betrachtet der Mittelmeerraum das Gegenteil von angelsächsisch, abgesehen von einer belanglosen Kolonialzeit im neunzehnten und zwanzigstens Jahrhundert. Denn dieses Ganze: die Antike, das heilige römische Reich deutscher Nationen, die Epoche der Türken, Araber, Saraszenen, die Renaissance und die große Zeit Florenz’, Sienas, Veneziens und später Genuas, dieses Kunst und Zivilisation gebärende mediterrane Jahrtausend, das obendrein in Siena auch das Bankwesen hervorgebracht hat – und das ist doch in Wahrheit der Beginn der Globalisation! – dieses großartige Ganze hat in Wahrheit mit Amerika nicht das Geringste zu tun. Reisen Sie doch mal in die USA und betrachten Sie all die nachgebauten Tempel, Kathedralen, Burgen und Schlösser, diese Neugotik, diese Tiffany-Fassaden! Nichts davon haben die Yankees selbst hervorgebracht. Echt sind nur die Diners, Drive-ins und Take-aways. Schaut man genauer auf ihre Speisekarten, so zeigt sich, dass sie zwar den Hamburger kreiert haben, Coca Cola und gekochte Maiskolben, aber schon passen müssen, wenn man auch nur einen Espresso wünscht.
„Kostet 65 Kuna, Sir.“
Ich denke, ich höre nicht recht. Mehr als neun Euro für einen Museumsbesuch?
„Wie viel, sagen Sie?“
„65 Kuna. Im Preis enthalten ist ein digitaler akustischer Führer in dreiundzwanzig Sprachen. Klicken Sie die Nummer des jeweiligen Raumes, so wird Ihnen alles in Ihrer Muttersprache erklärt. Sie können sich natürlich auch einer Gruppenführung auf Englisch anschließen, wenn Sie wünschen. Der Rundgang beginnt an der großen Treppe.“
Sie nickt zum Atrium hinüber.
Ich werfe einen Blick auf die illustre Treppe, die sich an den Wänden des Binnenhofs bis zur säulengerahmten Empore emporschwingt und jetzt im vollen Sonnenlicht liegt. Am unterem Ende des Handlaufs ist ein Schild mit der Nummer 1 befestigt, und eine Traube asiatischer Besucher hält sich schwarze Hörer ans Ohr, aus denen so lautes Englisch quillt, dass es mich auch noch aus zehn Metern Abstand ganz ohne Hörmuschel erreicht. Nur ergibt es natürlich überhaupt keinen Sinn, denn die Chinesen oder Koreaner oder Japaner haben ihre Geräte allesamt zu verschiedenen Zeitpunkten eingeschaltet, und das Ergebnis ist eine wilde Kakophonie aus angelsächsischen Urlauten. Es fragt sich wirklich, warum sie nicht jeder und jede ihres Weges gehen und die entsprechende Nummer drücken, wenn sie sich etwas erklären lassen wollen. Statt dessen bleiben sie dicht beieinander, lächeln sich zu und fotografieren sich. Dafür haben sie eine Extra-Gebühr bezahlt.
Als mein Blick wieder die Treppe emporwandert und auf die herrlich leichten Säulen des oberen Umgangs trifft, meine ich, eine Gestalt in den Schatten zurückweichen zu sehen, die einen Hut trägt. Eine männliche Gestalt mit einem Strohhut. Oder Panamahut. Jedenfalls ein Hut mit einem Hutband. Und dieses Hutband ist, wenn mich das grelle Mittagslicht dort oben nicht täuscht und die Dämmerung hinter der Kolonnade nicht irreführt, schwarz-weiß gescheckt.
Mein erster Reflex ist, laut zu fluchen. Das verbietet sich aber von selbst angesichts einer so geschichtsträchtigen Umgebung, wo über Jahrhunderte hinweg Großer und Kleiner Rat und Senat feierlich getagt und über die Beziehungen der Stadt zur gesamten Welt entschieden haben. Verstohlen greife ich an meine Stirn und finde den Hut an seinem Platz. Er hat mich also nicht beklaut, der Kerl von der Balustrade. Er imitiert mich nur. Trug er nicht auch eine khakifarbene Hose und ein weißes Hemd, wie ich? Wer, zum Teufel, macht sich einen Spaß daraus, mich nachzuahmen, ausgerechnet hier, im ehrwürdigen Rektorenpalast von Ragusa?
Vielmehr, Dubrovnik. Mit Sicherheit war es kein Liebhaber der Geschichte, der sich so etwas erlaubte.
Oder hatte etwa jene äußerst ansehnliche junge Dame, die mir das Unikum, nein, Unikat, verkaufte, geflunkert, und es war gar keins? Wie, wenn ich aus der Kolonnade dieses herrlichen Bauwerks hervorträte, und von allen Seiten stürzten mir Dalmatinerhunde, pardon, – hüte entgegen?
Inzwischen war es sogar hier drinnen im gotischen Gewölbeumgang sehr warm. Der Schweiß lief mir Rinnsalen in den Kragen. Doch ich war entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich musste diesen Kerl zur Rede stellen, ehe er mit seiner angemaßten Kopfbedeckung aus dem Gebäude entwiche. Eben hatte eine englischsprachige Führung begonnen, die sich zunächst raupenartig in die unteren Räumlichkeiten schob, hinein in den Kerker und wieder heraus, dann in die verschlungenen Keller der Waffenkammer. Die Asiaten posierten noch immer auf der Freitreppe für ihre Familienfotos. Wenn ich jedoch den Aufgang für Lieferanten und Lakaien benutzen würde, eine verdeckte Treppe hinter der Wand gegenüber, könnte er mir eigentlich nicht entkommen: denn einen dritten Abgang, das wußte ich genau, gab es nicht.
Manchmal ist die Lektüre von historischen Fachbüchern eben doch nützlich. Zumindest von Reiseführern.
Obgleich meine Frau da ganz anderer Meinung ist. Aber wir reisen ja auch getrennt, will sagen, wir besuchen denselben Ort nicht zur selben Zeit und kommen deshalb mit ganz anderen Mitbringseln heim, anderen Fotos, anderen T-Shirts, anderen Mützen. Und anderen Hüten auch. Sie läßt sich vom Fernsehen zu ihren Reisen animieren und ist sehr praktisch. Schwerlich wäre ihr eingefallen, sich einen Strohhut mit einem schwarz-weiß gescheckten Hutband zu kaufen. Mitten im hastigen Aufstieg auf der Bedienstetentreppe tastete ich noch mal: ja, der Hut war noch da.
Die Ausstellungssäle im zweiten Stock gingen ineinander über. Man konnte sie sowohl einzeln von der Empore aus als auch durch ganze Fluchten von Flügeltüren im Innern betreten. Das erschwerte die Jagd nach dem Hut-Plagiator beträchtlich. Zum Beispiel konnte er sich einer Art Mäander fortbewegen und immer mal wieder in gegenläufigen Reisegruppen untertauchen, während ich den direkten Weg durch die Säle wählte, um möglichst rasch wieder an der Treppe zu sein.
In einem Saal mit Sänften aus zwei Jahrhunderten, steilen, mit Samt ausgeschlagenen ein- und zweisitzigen Gehäusen, die einst von Trägern an Stangen durch die engen Gassen Ragusas geschultert wurden und worin adelige Damen trockenen Fußes zum Theater oder zur Kirche gelangten, ebenso Senatoren und Ratsmitglieder, meinte ich, die Tür einer Sänfte zuklappen zu hören. Und richtig, bei einem besonders schönen, grün, schwarz und gold lackiertem Exemplar, vor dem eben wieder chinesische Gruppenfotos gemacht wurden, stand die Tür zur Straßenseite offen – indes, von dem dalmatinischen Flüchtling nicht die Spur. Ich unterdrückte den Impuls, auf meinen Kopf zu zeigen und die Chinesen zu fragen, ob sie nicht gerade solch einen Hut gesehen, vielleicht sogar fotografiert hätten, eilte hinaus zur Kolonnade, lehnte mich über die Brüstung: nichts. Die große Freitreppe war leer. Über den Binnenhof zuckelte eine Taube. Von links wälzte sich raupenartig die englische Führung heran und drängte mich zur Treppe. Ich taumelte zurück ins Erdgeschoß. Niemand zu sehen, außer der jungen Dame an der Kasse. Sie lächelte mich wieder an. Ein zweiter Dalmatinerhut? Nicht, dass sie wüsste. Allerdings sei sie zwischendurch auf der Toilette gewesen.
Ich hätte mir jetzt ein Mineralwasser genehmigen sollen oder zumindest einen Espresso. Doch als ich wieder beim Roland vorbeikam, war mir, als sähe ich am anderen, perspektivisch zulaufenden Ende der Stragun deutlich ein schwarz-weiß geschecktes Etwas verschwinden, entweder in einem Portal oder in einer der rechter Hand steil empor strebenden Gassen, die sich an ihrem oberen Ende in Treppen verwandeln, so eng, dass man die Häuser zu beiden Seiten der Stufen gleichzeitig berühren kann. Wie in Neapel hängt Wäsche von einer Straßenseite zur anderen. Auf Balkonen und Simsen stehen Blumentöpfe und verstellen die Aussicht. Unmöglich, in diesen schattigen Schluchten einen fliehenden Dalmatinerhut zu orten!
Inzwischen hatte der Schuft einen fast uneinholbaren Vorsprung.
Es sei denn, er hatte den Fehler gemacht, sich in die Franziskanerkirche zu flüchten. Da wäre er gefangen. Die Kirche hält nämlich nur die berühmte gotische Pforte geöffnet, weil bei den Besichtigungen zu viele alte Gesangsbücher und sogar Phyolen und Destillierkolben aus der mittelalterlichen Apotheke entwendet wurden. Apotheke und Bibliothek sind deshalb in der Regel verschlossen und werden nur noch bei speziellen Führungen gezeigt. Auch der sagenhafte romanische Kreuzgang des anschließenden Klosters ist nicht mehr gesondert zugänglich, weil eine offene Tür im oberen Bereich nur die Begehrlichkeit gewisser Kunsträuber angestachelt hätte. Nach entsprechender Lektüre weiß man so etwas.
Atemlos – und, ich gebe es zu, auch achtlos – eilte ich unter dem einzigartigen Pieta-Portikus hindurch ins Innere der Franziskanerkirche, spürte aber sofort, sie war mittäglich leer. Befremdlich, dass die Aufsichtsperson am Eingang eine junge Nonne war, die, wie mir schien, verstohlen meinem Strohhut betrachtete. Doch das mochte auch Einbildung sein, hervorgerufen von dem besonders kleidsamen Schwarzweiß ihrer Ordenstracht, das ihre auffallend schlanke Figur eher akzentuierte denn verhüllte. Einen Momentlang fragte ich mich, merkwürdig vielleicht unter diesen Umständen, ob sie wohl auch hochhackige Schuhe trüge und sich emporrecken würde, um den zweiten, den angemaßten Hut zu angeln, käme er plötzlich auf der Kanzel oder der Empore zum Vorschein.
Mit einer entschlossenen Bewegung wischte ich diese Visionen beiseite und trat auf der anderen Seite des Kirchenschiffes hinaus in die umfriedete Stille des Klostergartens mit seinem zierlichen, doppelsäuligen Kreuzgang. Was ist nicht alles schon über dieses Wunder an meditativer Gartenarchitektur geschrieben worden, wie viele große Geister haben hier nicht schon weltverändernde Formeln für Handel und Bankwirtschaft, Ebbe und Flut, Gift und Gegengift entwickelt. Unvorstellbar, dass sich hier, in diesem Hort der Humanitas, ein feiger Hut-Imitator versteckt halten sollte!
Und doch war mir, als bewegte sich etwas zwischen jenen flankierenden Stechpalmen und den schlanken gotischen Bögen des hinteren Kreuzgangs. War nicht eben ein Schatten hinter die gotische Brunnenschale zurückgewichen, deren Wasserschleier das Ende der mittleren Gartenallee dunkel benetzten und zugleich in prismatischen Regenbögen aufblitzen ließen? Vernahm ich nicht sogar ein leises Klirren und dann ein Stöhnen?
Hinter mir fiel die Tür zum Kirchenschiff ins Schloß. Ich achtete nicht weiter darauf, sondern lief so rasch ich konnte ins Dunkel des seitlichen Kreuzgangs. Er schien auf wunderbare Weise verlängert, doppelt so lang wie die Gartenallee, und während ich mich noch verwundert fragte, ob wohl der Gang auf der Gegenseite genau so aussähe, was die Kürze der mittleren Allee zu einem Mysterium gemacht hätte, erblickte ich ihn am entferntesten Ende meiner doppelsäuligen Kolonnade: den Schurken mit dem Imitat, dem Plagiat, dem Dublikat meines Dalmatinerhuts auf dem Kopf. Wir starrten uns an, unfähig zu irgendeiner Bewegung. Die stumme Konfrontation ließ keinen Zweifel, trotz des Abstands. Er war es.
Dann plötzlich sah ich, dass hinter dem Kerl wie eine Erscheinung die schwarzweiße Gestalt der Nonne sichtbar wurde. Sie wedelte mit beiden langen Ärmeln. Wollte sie ihn überlisten, ihm den Hut entreißen? Wie, wenn er es merkte, sich plötzlich umdrehte, sie brutal zu Boden warf und in den Tiefen des Kreuzgangs verschwand, samt Hut? Außer mir vor Abscheu lief ich mit erhobenen Fäusten und laut schreiend auf den Kerl zu, der sich augenblicks in meine Richtung in Bewegung setzte, gleichfalls kreischend und die Fäuste schwingend. Mit sozusagen doppelter Geschwindigkeit liefen wir aufeinander los, waren auch schon so nahe, dass mir die perfide Ähnlichkeit des Huts und des gesamten Kerls nicht mehr verborgen bleiben konnte, und dann schlug ich mit aller Wucht zu.
Ich betaste mein Gesicht. Seit man Verbände und Pflaster von den Schnittwunden gelöst hat, sind dank der kühlenden Auflagen und Natursalben, die die freundliche Haustochter alle paar Stunden erneuert, die Schwellungen schon fühlbar zurückgegangen.
Wie kann man nur, hatte der kroatische Sanitäter während des Transports verwundert gefragt – und zwar in einem sehr schlechten Englisch, dessen Sinn ich aber immerhin, wenn auch bruchstückhaft, in meinem klirrenden Kopf schließlich zusammenbekam – in einen so großen Barockspiegel hineinlaufen? Und dann noch, laut der frommen Schwester, die für den Notruf verantwortlich war, offenbar mit voller Absicht?
Ich röchelte und schwieg. Was darauf erwidern? Wie die Agonie erklären, die es bedeutet, seinem eigenen Doppelgänger zu begegnen, nur um feststellen zu müssen, man war es selber? Außerdem sah ich die ganze Fahrt über im Geiste die Parkgebühren für meinen VW bis an die Zinnen der Stadtmauer emporwachsen. Die Rückführung eines geparkten VW fiele nicht unter die Leistungen meines Schutzbriefes.
Schließlich der Hut. Der eine. Einzige. Sie haben ihn bei der Rettungsaktion verschlampt, ihn irgendwo in den Tiefen des Kreuzgangs zurückgelassen. Oder womöglich wieder in die Boutique auf der Stragun befördert, um ihn erneut einem arglosen Touristen zu verkaufen? Ich habe nicht viele Vorurteile. Doch einer Nonne, die sogar noch in der strengen Tracht ihres Ordens so aussieht wie eine hochhackige Verkäuferin, ist alles zuzutrauen.
Vielleicht sollte man als Postbeamter und Hobbyhistoriker gar keinen Dalmatinerhut besitzen.
(aus: „....und Bosnien, nicht zu vergessen“, Anthologie zum Thema Das Fremde in uns, Vlg. Das Bosnische Wort, Tuzla und Wuppertal 2008)

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