(Geschrieben am 29.11.1989, 20 Tage nach dem Mauerfall.
Veröffentlicht im Januar 1990 im NDR III-Hörfunk)
Inzwischen haben wir uns schon fast an das Wunder gewöhnt: die Ströme fließen in umgekehrter Richtung, die der knatternden kleinen Gefährte nämlich, "Trabi" genannt, Ströme von Trabis über die Autobahnen von Ost nach West. ADAC-Helfer beherrschen schon fast wieder die qualmende Zweitakt-Technologie der Nachkriegszeit. Gerührt erinnern sich Ältere unter uns an Lloyd-Alexander und DKW und erste Ferien auf dem NSU-Lido bei Venedig. Auch der Run auf Bananen kommt uns noch irgendwie vertraut vor: Kriegsende, Währungsreform. Der Umtausch von Ost- in Westmark scheint so etwas wie der von Reichsmark in DM. Auch damals, erinnern wir uns, waren die plötzlich vollen Regale der Geschäfte auf einen Schlag leer gekauft - Glücksgefühl, dass mit einemmal das Geld etwas wert ist.
So weit, so gut. Die Verkäuferinnen im Einzelhandel jedoch, unversehens mit Überstunden am Wochenende belastet, denken inzwischen anders darüber. Das „glücklichste Volk der Welt" (der Berliner Bürgermeister Momper) fängt an, der Fernsehbilder von überfüllten Bahnsteigen und neuen Mauerdurchbrüchen überdrüssig zu werden. Es beginnt zu erkennen, dass der Fall der Mauer einen Preis hat, dass irgendjemand die Rechnung bezahlen muss. Unsere Kollegen Journalisten hatten das ganz anders diagnostiziert.
Betroffen von soviel eindeutiger Emotion zugunsten des Westens und gerührt vor soviel eigener Überlegenheit hatten sie das stinkige kleine Gefährt, genannt Trabi, das da plötzlich in hellblauen Scharen Autobahnen und Parkplätze verstopfte, flugs zum „Auto des Jahres" proklamiert und hatten gemeint, damit Volkes Stimmung zu treffen. Doch das Volk (West), überrollt von der Revolution (Ost) und keineswegs darauf vorbereitet, vielmehr bestens eingerichtet im saturierten Status quo, still zufrieden auch mit der Zweistaatlichkeit und dem eigenen Wohlstand auf Kosten nicht nur der Dritten Welt, war, gerade in seinen Tiefen-Schichten, anderer Meinung. Aufgeschlitzte Trabireifen in Berlin, zerdepperte Trabifenster in Hamburg, ausgebrannte Trabileichen in Hannover. "Die fühlen sich jetzt verkohlt", kalauerte ein Kneipen-Besucher von nebenan. Ein Zynismus mit entsetzlichen Assoziationen, bewussten wie unbewussten.
Musste man schon bangen, ob denn die Deutschen (Ost) das halsbrecherische Tempo ihrer friedlichen
Revolution durchhalten werden, so weiß man jetzt, dass die Deutschen (West) jedenfalls nicht damit zurechtkommen: Begrüßungsgeld, Nulltarif und soziales Netz sind ein viel zu hoher Preis. Im ersten Überschwang mochte man ihn gerade noch auf den Tisch blättern. Doch seit die unschuldigen Trabis in Hannover ausbrannten, kehrt Ernüchterung ein, auch bei Fernsehjournalisten, ja selbst bei manch einem Politiker.
Soll nun, in dieser Situation, der Schriftsteller sich den Kopf zermartern, warum um alles in der Welt Helmut Kohl vor seiner Begegnung mit Egon Krenz einen Dreistufenplan zur (Wieder-) Vereinigung entwickelt, statt nachher? Soll man im Ernst über das heuchlerische Gerede der Christunion von der „Selbstbestimmung" länger nachdenken, während ihre Emissäre die Bedingungen für westdeutsche Finanzhilfe so laut auf den Verhandlungstisch knallen, dass es einem in den Ohren dröhnt? Oder soll der Autor stattdessen lieber lustvoll mit Begriffen wie "Nation" herumspielen, noch gestern ein Gräuel aus dem Arsenal nationalsozialistischer Sprachvergewaltigung? Politiker
aller Couleurs und sich selbst bespiegelnde Publizisten klopfen derzeit auf diesem kompromittierten Begriff herum, als sei's eine Nuss, deren süßer Kern zutage treten müsse, sobald die abgegriffene Schale geknackt sei. Nation? Könnte es sich nicht auch um eine Worthülse handeln, eine taube Nuss, innen hohl?
Da, in einem guten Moment, bringt Günter Grass im selben SPIEGEL, in dem Rudolf Augstein allen Ernstes behauptet, man habe uns „den Chauvinismus gründlich ausgetrieben", während im Bonner Wasserwerk das Absingen des Deutschlandliedes und der Ruf nach einer einigen deutschen Nation unter West-Bedingungen fast automatisch ineinander fließen, einen viel schwierigeren, einen nachdenklich stimmenden Begriff wieder ins Spiel: den der „Kulturnation". Vor Jahr und Tag hatte er ihn in den Kopfgeburten vorformuliert. Und wahrlich, damals war der Bezug zur Wirklichkeit nur im Kopf herstellbar gewesen, ein ver-rücktes Hantieren mit dem Denkbaren. Heute indes hat die so unverrückbar scheinende Wirklichkeit schon fast den Begriff überholt.
So Atem beraubend das Tempo, so dringend geboten ist ein wenig Innehalten, Innewerden. Die neuen Tatsachen wie auch ihre Implikationen wollen erfasst, sie wollen reflektiert sein. Der Begriff „Kulturnation", scheint mir, bietet in seiner Abstraktheit wie in seiner Anknüpfung an das einzig Gemeinsame, nämlich die historisch bei uns gewachsene wie auch die heute hüben und drüben entstehende Kultur, eine Basis fürs gemeinsame Gespräch ohne Besserwisserei, ohne Krieg der Systeme, ohne Sieger und Besiegte.
Auf der Pressekonferenz anlässlich der letzten Buchmesse habe ich mit Blick auf die Montagsdemonstrationen im Namen des Verbands deutscher Schriftsteller sinngemäß gesagt, wir, die West-Autoren, „seien nicht berufen, unseren DDR-Kolleginnen und -Kollegen Ratschläge zu geben bei Themen und Vorgängen, die sie selbst am besten beurteilen können." Unsere Unterstützung sollte deshalb, so füge ich jetzt hinzu, aus ein paar tüchtigen Fotokopiergeräten bestehen, sowie ein paar Zentner blanken, noch brauchbaren Papiers, damit sie ihre Vorstellungen möglichst effektiv in die Tat umsetzen können.
Auch die Frage nach der Utopie-Fähigkeit der Literatur ist neu zu stellen, wollen wir Peter Schneiders ahnungsvollen Zweifel „Können wir ohne Feind existieren?" produktiv überwinden. Utopie-Fähigkeit: in einem Europa jenseits des Kalten Krieges! Welch eine Vision! Wer von uns, Hand aufs Herz, hätte dieser Utopie, die sich nun als möglich abzeichnet, noch vor Jahresfrist Chancen eingeräumt?
Die „dumpfe Mitmenschlichkeit" bei sich daheim, urteilt Rolf Schneider aus der DDR, sei „ein Derivat der Not". Was aber ist dann der dumpfe Mangel an Mitmenschlichkeit in dieser unserer Bundesrepublik? Ein Derivat des Überflusses? Ausfluss des real existierenden Kapitalismus? Und dergleichen sollten wir, kraft der D-Mark, über die Elbe expandieren?
Kultur-Nation. Wir sollten darüber nachdenken, solange die beiden Wörter von unseren politischen Fenster-Rednern noch nicht windelweich geklopft sind, solange das populistische Getöse noch nicht jegliche Ratio aus den Köpfen vertrieben hat.
Die Öffnung der Mauer hatte nicht zuletzt auch das Selbstverständnis der Schriftsteller beider deutscher Staaten ins Wanken gebracht. Der Versuch, unter neuen Vorzeichen einen neuen Verband auf dem Gebiet der ehemaligen DDR zu gründen, der eine Zeitlang föderativ neben dem westdeutschen bestehen und mit diesem kooperieren könnte, war gescheitert. Ob wir es wollten oder nicht, wir mußten so schnell wie möglich einen gesamtdeutschen Kongreß einberufen, um das Plattmachen so gut wie aller gewachsenen literarischen Strukturen im „Beitrittsgebiet“ zu verhindern.
Erinnert sei hier nur an das Unterpflügen von Millionen in der DDR produzierter Bücher auf Mülldeponien rings um Leipzig – gleichgültig, ob nun Heine- oder Shakespeare- oder Marx-Engelsausgaben, ob Werke von Dissidenten wie Uwe Kolbe oder überzeugten Kommunisten wie Herman Kant – weil der Börsenverein des deutschen Buchhandels das Zentrale Auslieferungslager der DDR für die Lagerung westlicher Druckerzeugnisse benötigte. Das ging nur haarscharf an einer Bücherverbrennung vorbei.
Auf dem Travemünder Kongreß nun wurde ich zum ersten gesamtdeutschen Verbandsvorsitzenden gewählt und versah dieses die Gesundheit und die Finanzen gleichermaßen ruinierende Ehren-Amt bis zum Folge-Kongreß 1994.
Denn was sich zunächst als Nebenarbeit von täglich drei Stunden verkleidet hatte, enthüllte sich in den folgenden Wochen als zwölfstündiger Fulltime-Job. Eine Ahnung von den enormen psychologischen und politischen Schwierigkeiten muß ich jedoch schon vorher gehabt haben: sie deuten sich jedenfalls an in meiner Begrüßungsansprache. Für alle Interessierten sei sie hier dokumentiert (im übrigen nachzulesen in dem Protokollband „Komm! Ins Offene, Freund!“, der1992 im Steidl-Verlag erschienen und beim VS-Büro in Berlin weiterhin erhältlich ist)

„Verehrte Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen,
nach so vielen Jahren der Teilung, durch die auch die Literatur und die Literaten in zwei Lager gespalten wurden, ist es ein singuläres Ereignis, wenn sich beide in einem gemeinsamen Verband wieder begegnen. Worauf wir vierzig Jahre lang gewartet haben, nämlich ohne Beeinträchtigung der Bewegungs- und der Meinungsfreiheit miteinander reden zu können, ist eingetreten. Die Montagsdemonstrationen mit ihrer „friedlichen Revolution“, der Runde Tisch, aber auch die gänzlich anders agierenden Politiker der Regierung der BRD haben unter Nutzung einer günstigen weltpolitischen Konstellation dieses Wunder, an das damals kaum jemand glaubte, zuwege gebracht. Wir sollten die Freude über diesen Glücksfall der Geschichte nicht zu kurz kommen lassen, wenn wir nun, als Berufsverband der deutschen Schriftsteller, gleichwohl über Defizite und Verluste öffentlich nachdenken.
Dem Herrn Bundesminister des Innern, der bereit war, den ersten gemeinsamen Schriftstellerkongreß als Schirmherr und Diskussionsredner zu eröffnen, gebührt Respekt, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Zum einen hat er über den ‘kurzen Weg zur deutschen Einheit’ – von manchen gern als ‘der Königsweg’ apostrophiert, eine Metapher vielleicht eher aus dem Schachspiel denn aus dem Feudalismus – und damit den vermutlich einzig möglichen Weg mit eröffnet; Lothar de Maiziere sagt uns ja, die Tür habe nur einen Momentlang und auch nur einen Spalt breit offen gestanden. Zum anderen setzt Herr Dr. Schäuble auch neue Akzente als Innenminister, was er unter anderem auch mit diesem Besuch bei uns unter Beweis stellt.
Herr Minister, es ist ja ein offenes Geheimnis, dass in der Vergangenheit das Verhältnis zwischen den Intellektuellen und den ‘christlich’ sich nennenden Parteien schlecht war. Ludwig Erhard sah uns als ‘Pinscher’, also kleine Kläffer, die die Segnungen seiner in mancher Hinsicht biedermeierlich-restaurativen Politik nicht zu würdigen wußten. Bayerns gewichtiger Strauß setzte noch eins drauf und sprach von ‘Ratten und Schmeißfliegen’. Nicht von ungefähr haben wir uns daher meist in SPD-regierte Länder begeben, um unsere teils themenbezogenen, teils auch nur turbulenten Kongresse abzuhalten. Sie nun, Herr Minister, haben als erster Repräsentant der CDU einem neu gewählten VS-Vorsitzenden gratuliert, und dies in einer Situation, im September 1989, da der Schriftstellerverband nicht gerade im Zenit, sondern eher am untersten Horizont seiner bisherigen Geschichte angelangt war. Damals haben Sie Mut für die schwierige Arbeit gewünscht.
Dieses Mutes nun, denke ich, bedarf es heute mehr denn je. Mag auch ‘Abwicklung’ in einigen Bereichen ein Zauberwort sein, für die Künstler der DDR und ihre Verbände hat sie sich verheerend ausgewirkt. Der Verband deutscher Schriftsteller (VS) in der Industriegewerkschaft Medien hatte nach der staatlich verordneten Abwicklung nicht etwa des realsozialistischen alten, sondern des im März 1990 demokratische erneuerten SV nur mehr die Möglichkeit, schleunigst in den fünf neuen Ländern initiativ zu werden, wollte er nicht tatenlos zusehen, wie dort die weitaus meisten Kolleginnen und Kollegen plötzlich ohne Buchverlage, Buchvertrieb, Buchverkäufe, ebenso ohne Beschäftigung in einem aus den Fugen geratenen kulturellen Umfeld, ohne Kranken- und ohne Sozialversicherung ins Bodenlose abstürzten.
Der Beitritt nach Artikel 23 des Grundgesetzes erbrachte zudem ein äußerst ernst zu nehmendes ‘normatives Defizit’, wie der Soziologe Jürgen Habermas anmerkt, weil damit dieses Grundgesetz von den Menschen aus den fünf neuen Ländern frag- und klaglos übernommen werden musste. Das Grundgesetz in seiner jetzigen Formulierung ist keine Verfassung eines einheitlichen Deutschlands. Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller beider Seiten, ihrerseits so rabiat zum Zusammengehen gezwungen, ohne dass Zeit zur Klärung der Voraussetzungen blieb, sind mehrheitlich der Ansicht, dass eine Verfassungsdebatte her muß, damit geistige Identität mit und in diesem Staat zumindest potentiell sich ausbilden kann. Zwar sieht der Überleitungsvertrag sozialökonomische Maßnahmen zur Minderung der durch die Abwicklung entstehenden Nöte vor. Er kann jedoch die geistig-politische Dimension des Einigungsprozesses weder ersetzen noch auch nur klären helfen. „Die kulturelle Substanz darf keinen Schaden nehmen“ – so steht es dort geschrieben. Unsere Beobachtung ist, dass sie schon vielfältig Schaden genommen hat und immer noch Schaden nimmt, denkt man nur an die Schließung von mehr als 230 Buchhandlungen von etwas mehr als 600 in der alten DDR und an die Reduzierungen im Verlagswesen. Hier wird mit einer alten Identität aufgeräumt, doch eine neue nicht geboten. So gehen, um es salopp zu sagen, zwei Geheimdienste miteinander um.
Herr Minister, wir danken ihnen noch einmal für Ihr Kommen in dieser wahrlich schwierigen und prekären Situation. Sie werden als Schirmherr dieses ersten gemeinsamen Delegiertenkongresses der deutschen Schriftsteller nicht nur ein kurzes Grußwort sprechen, sondern ein veritables Referat halten. Das ist dann schon Teil und Inhalt des Kongresses.
Zunächst aber spricht jetzt zu uns der Innenminister des Landes Schleswig-Holstein, Herr Prof. Dr. Hans-Peter Bull. Ich bitte sie, Herr Minister, aufs Podium.“

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